Ticket-Reservation
P: Premiere; D: Derniere; L: Lesung; Z: Zusatzvorstellung;
A: Autoren; M: Musik; W: Wiederaufnahme;
Ein Poem von Wenedikt Jerofejew
Übersetzt von: Natascha Spitz
Für die Bühne eingerichtet von Thomas Sarbacher, Peter Brunner und Helmut Vogel
Erzähltheater mit: Thomas Sarbacher
Kontrabass: Peter Nobuo Gossweiler
Musikalische Inspiration: John Wolf Brennan
Regie: Helmut Vogel
Regieassistenz: Anita Wey
Kostüme: Kathrin Baumberger
Koproduktion: Thomas Sarbacher und sogar theater
Rechte: Les Éditions Albin Michel, Paris | Piper Verlag München
Poem «Moskva Petuski» von Wenedikt Jerofejew
(Buchzitate sind kursiv gedruckt)
Sechs Wochen, irgendwann im Winter 1969/70. Wenedikt Jerofejew, Studienabbrecher, Gelegenheitsautor, wohnsitzloser Selfmade-Intellektueller hat einen Job: Kabel verlegen, in der Nähe von Moskau. Nach der Arbeit liegt er auf seiner Pritsche und schreibt ein Buch. Das Buch hat kaum mehr als 100 Seiten, es bekommt den Titel «Moskau-Petuski» und es ist ein Meisterwerk, eins der besten Bücher der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Bis sich das herumspricht, vergehen aber noch ein paar Jahre. Jerofejew trägt das Originalmanuskript im Einkaufsnetz durch die Gegend. Das Buch zirkuliert in der Sowjetunion als Untergrundliteratur. 1973 erscheint es in Israel, bald darauf in Frankreich. Jerofejew erfährt davon durch Zufall. Im deutschen Sprachraum wird das Poem erstmals 1978 unter dem Titel «Die Reise nach Petuschki» vom Münchner Piper Verlag veröffentlicht; 1988 erscheint die erste offizielle sowjetische Ausgabe. Zur selben Zeit taucht Jerofejew aus der Versenkung auf, gibt ein paar grandiose Interviews und wundert sich über den späten Ruhm.
Der Mensch ist sterblich – das ist meine Meinung. Aber wenn wir schon geboren sind – kannst du nichts machen, dann musst du eben noch ein bisschen leben...
Venja, Held und Ich-Erzähler, wacht morgens in einem Moskauer Hauseingang auf. In den letzten fünf Tagen hat er viel Wodka getrunken, jetzt ist er bereit zu handeln. An diesem Freitag macht Venja sich auf zum Kursker Bahnhof. Von dort aus verkehrt die Vorortbahn nach Petuski, in der Oberschaffner Semjonytsch den Fahrpreis in Gramm Wodka per gefahrenen Kilometer eintreibt. In Petuski wohnt Venjas Geliebte und hinter Petuski sein Sohn, der den Buchstaben «Ю»(Aussprache Ju), kennt. Im Verlauf der Reise lernt Venja allerhand seltsame Gestalten kennen, mit denen er sich ausführlich über Philosophie, Geschichte, Literatur und Liebe unterhält.
Einfach Vodka trinken, sogar aus der Flasche – das ist alles eitel und Haschen nach Wind. Vodka mit Kölnisch Wasser mischen – darin liegt eine gewisse Laune, aber keinerlei Pathos. Dagegen ein Glas «Balsam von Kanaan» trinken, darin liegt Laune, Idee, liegt Pathos, und er enthält darüber hinaus eine metaphysische Anspielung. Kurz, notiert euch das Rezept für den «Balsam von Kanaan». Das Leben wird dem Menschen nur einmal gegeben, und leben soll er es unbedingt so, ohne sich im Rezept zu irren:
Denaturierter Sprit – 100 Gramm
Bier – 200 Gramm
Gereinigte Politur – 100 Gramm
Venja und seine Freunde setzen den Alkohol bewusst ein: Alle wichtigen Männer Russlands, alle Männer, die es gebraucht hat, haben getrunken wie die Schweine. Jerofejew erforscht das Grenzgebiet zwischen spirituosgestützter Wahrnehmungsdehnung auf der einen, Tod und Zerstörung auf der anderen Seite. Vom Alkohol beflügelt träumt Venja sich in eine groteske Phantasiewelt, die der Realität naturgemäss in jeder Hinsicht überlegen ist. Das böse, reale Moskau und das paradiesische Petuski stehen stellvertretend für diese beiden Welten.
Ich, um die Übelkeit niederzukämpfen, begann, den Kronleuchter über meinem Kopf zu betrachten. Ein schöner Kronleuchter. Aber schon gewaltig schwer. Wenn der jetzt abreissen und jemandem auf den Kopf fallen würde – das würde sehr wehtun … Doch nein, wahrscheinlich gar nicht weh: während er abreisst und fällt, sitzt du da und trinkst nichtsahnend, zum Beispiel deinen Jerez… Und wenn er dir auf den Kopf fällt, bist du schon nicht mehr unter den Lebenden. Ein schwerer Gedanke: du sitzt da, und dir auf den Kopf fällt von oben der Kronleuchter. Ein sehr schwerer Gedanke…
Entscheidend dafür, dass «Moskau Petuski» zum Schlüsselwerk einer ganzen Generation werden konnte, war Jerofejews Sprache. Jede einzelne Seite, fast jeder Satz des Buches ist zusammengefügt aus unzählbaren Zitaten, Anspielungen und Verweisen. Jerofejew hat das gesamte kulturelle Inventar der späten Sowjetunion von innen nach aussen gewendet. Ganz nebenbei wird «Moskau Petuski» auch zu einem umwerfend komischen Buch durch das Aufeinandertreffen der verschiedenen Sprechweisen, durch das scheinbar ungeordnete Neben- und Miteinander von Bibelzitaten und Säuferphilosophie, Kommunistenjargon und Dichterwort, Vulgarismen und Gottesfürchtigkeit. Jerofejews Waffen der Wahl gegen einen autoritären Staat, seine Ideologie und seine Sprache hiessen frei improvisierter Nonsens, Groteske, Ironie, Sarkasmus und Parodie. Denn eines war 1969 klar: Die pathetische Wahrheit taugt nicht im Kampf gegen die pathetischen Lügen der Macht. Was hilft ist allein der heitere Betrug. Ein geniales Buch, das den Geist fesselt und zugleich befreit. Nastrovje!
Wenedikt Wassiljewitsch Jerofejew
geboren 1938 in Kiowsk bei Murmansk, studierte in Moskau und Wladimir Geschichte und Literatur, bis er von der Universität flog und sich fortan als Heizer, Wärter in der Pfandflaschenannahme, als Milizionär, Strassenarbeiter und Monteur beim Fernmeldewesen durchs Leben schlug. Sein Meisterwerk «Moskau Petuski» entstand im Herbst 1969 «bei der Telefonkabelverlegung in Sheremetyevo», wurde in Israel 1973 erstmals auf russisch publiziert und erschien 1988 schliesslich - leicht gekürzt - in der sowjetischen Zeitschrift «Nüchternheit und Kultur». Wenedikt Jerofejew starb im Alter von 51 Jahren am 11. Mai 1990 in Moskau.
Bücher/CD:
- Wenedikt Jerofejew. Die Reise nach Petuschki. Ein Poem. Aus dem Russischen von Natascha Spitz. Piper Verlag, München, Zürich. ISBN 3-492-22848-8
- Venedikt Erofeev. Moskau Petuski. Ein Poem. Neu übersetzt und mit einem Kommentar von Peter Urban. Kein & Aber, Zürich. ISBN 3-0369-5141-5
- Venedikt Erofeev. Moskau Petuski. Ein Poem. 5 Audio-CDs., 320 Min. Laufzeit. Sprecher: Frank Goosen und Harry Rowohlt. Kein & Aber, Zürich. ISBN 3-0369-1169-3
- Wenedikt Jerofejew. Aufzeichnungen eines Psychopathen. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Tropen Verlag, Köln. ISBN 3-932170-63-6
- John Wolf Brennan: Moskau - Petuschki (Wenedikt Jerofejew) + Felix-Szenen (Robert Walser). CD, Leo Records, England, Leo LAB 034
Neue Zürcher Zeitung / Zürcher Kultur vom 04.02.2012 - Anne Suter
«Moskva Petuski» im Sogar-Theater»
Anne Suter – Peter Brunner, der Leiter des Zürcher Sogar-Theaters, scheint einen direkten Draht zu Petrus zu haben: Die derzeit herrschenden eisigen Temperaturen passen optimal zur Produktion «Moskva Petuski», die noch bis zum kommenden Montag auf der kleinen Bühne im Zürcher Stadtkreis 5 zu sehen ist. Der Schauspieler Thomas Sarbacher erscheint denn auch aus der Kälte, doch zuvor raucht er noch eine Zigarette – bei halboffener Tür: brrr!
So weit kann man als Zuschauerin also mitfühlen mit der Figur des von Sarbacher verkörperten Venja. Um sich ganz in diesen hineinzuversetzen zu können, brauchte es indes noch etwas anderes: Hochprozentiges, und zwar viel. Gleich in der ersten Szene der in einem fremden Treppenhaus erwachte Venja, was er abends zuvor alles getrunken hat. Als da wären: Korianderschnaps, zwei Krüge Ziguli-Bier, einen kräftigen Schluck Alb-de-dessert direkt aus der Flasche, zwei Gläser Jägerschnaps. Und das ist nur der Teil, an den Venja sich erinnert …
Wenedikt Jerofejews im Winter 1969/70 entstandenes Poem «Moskva Petuski» ist ein monumentales Werk, das unter der Regie von Helmut Vogel dargeboten wird. Es wurde in den siebziger Jahren in Israel und verschiedenen europäischen Ländern veröffentlicht; die erste offizielle russische Ausgabe erschien erst 1988. Kein Wunder, war das Werk den sowjetischen Machthabern ein Dorn im Auge, spottet es doch durch seine unglaublich geistige Weite jeglicher Gleichschaltungsideologie.
In seinem gewaltigen Monolog schildert Venja, das Alter Ego des Autors, eine Zugsreise von der Hölle Moskaus zum paradiesischen Städtchen Petuschki, die, so erfährt man ganz zum Schluss, nur in seiner Säuferphantasie stattfindet. Der sperrige, von Thomas Sarbacher mit beeindruckender Präsenz vorgetragene Text strotzt nur so von Zitaten und Anspielungen: politischen, literarischen, musikalischen, biblischen, mythologischen.
Als mit Musik unterlegtes Erzähltheater (Kontrabass Peter Nobuo Gossweiler) ist «Moskva Petuski» - viel mehr denn als Lektüre – in erster Linie umwerfend komisch. Köstlich etwa, was Venja über die Augen der Russen sagt: «Mir gefällt, dass das Volk meines Landes solch leere und vorstehende Augen hat. Das erfüllt mich mit dem Gefühl von berechtigtem Stolz. Man kann sich vorstellen, wie die Augen dort sind, wo alles verkauft und alles gekauft wird … tief verborgene, versteckte, bestialische und verschreckte Augen … die Augen des schnöden Bargelds.»
Zürich, Sogar-Theater, bis 6. Februar
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