Szenenbilder: Bernhard Fuchs
Peter Brunner
Tel: 044 271 50 81
medien@sogar.ch
Wiederaufnahme nach 2008
Poem «Moskva Petuski» von Wenedikt Jerofejew
mit Thomas Sarbacher und Peter Gossweiler
Der Schauspieler Thomas Sarbacher, schon in der Vergangenheit verschiedentlich im sogar theater zu sehen, einem breiteren Publikum auch durch zahlreiche TV-Produktionen bekannt (u.a. «Underdogs», «Die Welle», «Tatort»), gibt im sogar theater das Poem «Moskva Petuski» von Wenedikt Jerofejew (Venedikt Erofeev). In der Inszenierung von Helmut Vogel agiert der Kontrabassist Peter Gossweiler als dessen Alter Ego. Die Protagonisten heissen wie der Autor des Poems – auf der Bühne werden also zwei Jerofejews stehen: Thomas Sarbacher als «animal théâtrale» und Peter Gossweiler, «free jazzig» mit seinem Kontrabass. Der Musiker verkörpert empathisch die Stimme des Widerspruchs und Einverständnisses, ergänzt und verstärkt dabei innere Zustände und Welten. Die Premiere der Schweizer Erstaufführung erfolgte am 10. Januar 2008 im sogar theater in Zürich. Wegen wiederholter Nachfrage nehmen wir das Stück erneut auf.
Der Weg ist das Entscheidende
In «Moskva Petuski» macht sich der Autor in Gestalt von Venicka auf die Suche nach dem Zentrum des Daseins, nach dem Lebenssinn. Ohne ein Glas Vodka ist dies allerdings nicht zu ertragen; und ein Glas ist längst nicht genug.
Der Autor und sein Alter Ego unternehmen eine Reise: Mit der Eisenbahn von Moskau in das 133 Kilometer nordwestlich gelegene, «vor sich hinrottende, verlauste, verhurte» Petuski. Dort werden sie von einer «weissblonden Teufelin» und seinem Sohn erwartet. Mit dabei, fest ans Herz gedrückt, ein Köfferchen gefüllt mit Geschenken und Unmengen an Alkoholischem. Die Reise führt letztlich zu keinem Ziel – der Weg ist das Entscheidende.
Venicka redet sich wortgewaltig um Kopf und Kragen: Absurd, gescheit, aberwitzig, heiter, komisch, melancholisch. «Moskva Petuski» ist ein vielschichtiges, verbal-tonales Feuerwerk, eine Tragikomödie voller Anspielungen, ein Panoptikum menschlicher Abgründe, ein Spiegel einer desolaten Gesellschaft ohne Hoffnung und Antrieb. Es ist eine Parabel auf den modernen Menschen, der geistreich plaudert, gesellschaftliche Mängel bloßstellt, nicht aber an die Veränderung der Verhältnisse glaubt.
Existenzielle Bahnreise
Das Erzählgedicht von Wenedikt Jerofejew steht in der Tradition der russischen Literaturgeschichte. Die gewählte Textstruktur und die Rahmensituation der Bahnreise lehnt an Werke von Tolstoi, Puskin, Cechov, Chlebnikov oder Charms an. Schriftsteller, die von Jerofejew geliebt wurden und denen er in grosser Zuneigung ein literarisches Denkmal setzt. Das Reisen steht für das Existenzielle, das Metaphysische, aber auch für die Paradoxie: Da bewegt sich einer, doch bewegt er sich überhaupt und falls ja, wohin?
Die Reise hat einen religiösen Hintergrund, ist eine Metapher für die Suche nach dem «Land der Verheissung» – durchaus auch in einem religiösen Zusammenhang zu deuten. Da sucht einer nach dem «Gelobten Land» und hält Zwiesprache mit Engeln und Gott. Die Suche nach Gott, wird zur verzweifelten Suche nach Trost im weltlichen Jammertal. Wenedikt Jerofejew trat drei Jahre vor seinem Tod (1987) dem Katholizismus bei. Viel Mythisches passiert dem Fahrenden: Eine Sphinx sucht ihn auf und ins Zugsabteil stürzt der Chor der Erinnyen. Die Eisenbahn ist auch biographisch mit dem Autor verwoben: sein Vater war Bahnhofsvorstand.
Ein Fass ohne Boden
Jerofejew ist ein russischer und europäischer Autor, ein Analytiker der russischen Gesellschaft. Fast jeder Satz steht in Bezug zu etwas. Die dramatisierte Novelle ist eine innere Reise, eine Odyssee, ein geistesgeschichtliches Tableau, eine Parabel auf den modernen Menschen, der die Verhältnisse beschreibt ohne an dessen Veränderbarkeit zu glauben. «Moskva Petuski» ist ein Fass ohne Boden mit verschiedensten Deutungsoptionen. Es besteht aus Anspielungen, Beobachtungen und literarischen Zitaten. Das Poem lässt in seiner Sinnlichkeit viel Spielraum für Phantasie und eigene Bilder und ist eine Hommage an das Individuum in der vermassten Gesellschaft. Venicka ist ein von Musik geprägter Mensch (Jerofejew verehrte Mahler, Mussorgski, Shostakovich). Seine Sprache ist musikalisch: die wartende Frau in Petuski «ist kein Mädchen, sondern eine Ballade in A-b-Moll-Dur», ist Hure und Heilige in einer Person.
«Moskva Petuski» ist eine Abrechnung mit der sowjetischen Geschichte, mit einer «egalitären» Gesellschaft, in der Ideal und Wirklichkeit weit auseinander klaffen und zugleich Spiegel einer Gesellschaft, die auf Kontrollwahn und Repression aufgebaut ist. Der Protagonist wird von vier Verfolgern gestellt und es dürfte nicht gänzlich falsch sein, dass mit dieser Zahl die «Menschenverwalter» gemeint sind, die bis zum Erscheinen des Poems als Generalsekretäre der KPdSU gewirkt haben: Lenin, Stalin, Chruschtschow, Breschnew. Solche Subtexte und der grundsätzlich fehlende Optimismus haben zum Druckverbot des Poems geführt, doch wurde es durch illegale Verbreitung zu einem Kultbuch der sowjetischen Untergrundliteratur.
Die Künstler:
Moskva Petuski
Ein Poem von Wenedikt Jerofejew (Venedikt Erofeev)
Erzähltheater für die Bühne eingerichtet von Peter Brunner, Thomas Sarbacher und Helmut Vogel. Spiel: Thomas Sarbacher. Kontrabass: Peter Gossweiler. Regie: Helmut Vogel. Koproduktion: Thomas Sarbacher und sogar theater. Rechte: Les Editions Albin Michel, Paris | Piper Verlag, München
Wiederaufnahme, 02. Februar 2011 | 20:30 Uhr
Weitere Spieldaten: Fr 03.02/ Sa 04.02., Mo 06.02. | jeweils 20:30 Uhr
und So 05.02., 17:00 Uhr
Die CH-Erstaufführung 2008 wurde ermöglicht mit Unterstützung von:
Stadt Zürich | Kultur, Fachstelle Kultur Kanton Zürich, Familien-Vontobel-Stiftung
Szenenbilder: Bernhard Fuchs
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