Medientexte Download

 Sogar im Kellerloch

 

Das sogar theater eröffnet die neue Saison mit Fjodor Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ in der Übersetzung von Svetlana Geier. Unter der Regie von Christoph Leimbacher spielen Jannek Petri und Mona Petri.

 

Ich bin ein kranker Mensch. Ich bin ein böser Mensch. Ein abstossender Mensch bin ich. Ein ärmliches Bett, davor ein abgetragener Teppich. Ganz nah am Abgrund, am Bett des Protagonisten sitzt man im sogar theater. Der Erzähler, ein etwa vierzig jähriger Beamter, hat seinen Dienst quittiert und lebt fortan in einer Kellerwohnung am Rande von St. Petersburg, am Rande der Hauptstadt und am Rande der Gesellschaft. Dort vergräbt er sich in Isolation und Selbstreflexion. Er wühlt in seinen Gedanken, urteilt über die Gesellschaft jenseits des Kellerlochs, über den Kristallpalast, das Mietshaus. Er ist überreizt und menschenscheu, boshaft und überheblich, einsam und eitel. Er lässt kein gutes Haar an den anderen und schon gar nicht an sich selbst. Er verstrickt sich in seine Analysen, Anekdoten und Phantasien und evoziert beim Zuschauer die Bilder seiner Erinnerungen. Bis sie plötzlich dasteht, Lisa.

Die aufrichtigste Darstellung der Unaufrichtigkeit, die wahrheitsgetreueste Studie der Unwahrhaftigkeit mit sich selbst nannte Svetlana Geier die „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.“ Nicht umsonst war der Text ursprünglich als ganzer Roman mit dem Titel Ispowed – Beichte konzipiert. Er ist die provokative Beichte eines Einzelgängers und eine schonungslose Demaskierung des Selbstbetrugs. Die Erzählfigur wird von allen Seiten beleuchtet und durchleuchtet und bis in die kleinste Gedankenregung durchforscht. Teilstücke dieser psychologischen Studie tauchen in späteren Romanen Dostojewskijs wieder auf, so beispielsweise in Verbrechen und Strafe. Deshalb gelten die Aufzeichnungen als Schlüsselwerk für das Schaffen des Autors, als Übergangswerk zu seinen grossen Romanen.

Ich aber schreibe, schreibe.....Zuweilen will es mir scheinen, dass es ein Dreck wird. Aber ich schreibe mit Leidenschaft...

Dostojewskij verfasste die Aufzeichnungen nach seiner Verurteilung zum Tode und den vier Jahren Internierung in Sibirien. Der Text entstand in einem Jahr voll tiefer Krisen: 1864 verstarben in kurzer Folge seine Frau, sein Bruder und ein guter Freund. Ausserdem wurde Dostojewskij von epileptischen Anfällen geplagt.

 

Das Stück ist Wahrheit geworden

In der Inszenierung von Christoph Leimbacher entfaltet der Text seine ganze Kraft. Jannek Petri als Erzähler löst in seiner Selbstanklage erst eine wohltuende Distanz im Zuschauer aus. Das Publikum wähnt sich in Sicherheit auf seinem Stuhl im sogar theater, gemütlich zurückgelehnt, eine Etage über dem Kellerloch. Und doch rüttelt das Gesagte an den Stuhlbeinen, bringt das Selbstbild etwas ins Wanken. Der Text überwindet dank der kraftvollen Darstellung problemlos die hundertfünfzig Jahre seit seiner Entstehung.

Und spätestens wenn Mona Petri als Lisa in Erscheinung tritt, merkt man, dass die Distanz zum Erzähler gar nicht gross ist, wie anfangs vermutet, und man verspürt den Impuls, sich den modrigen Kellergeruch und den Staub aus den Kleidern zu klopfen.

 

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, von Fjodor Dostojewski

Nach der Übersetzung von Svetlana Geier

Für die Bühne bearbeitet von Johannes Rieder und Christoph Leimbacher

Spiel: Jannek Petri, Mona Petri

Regie: Christoph Leimbacher

 

Premiere: Donnerstag 15.09.2011

weitere Vorstellungen: 16.-19.09.2011